Wo einst legendäre Schnitzelgerichte und badische Klassiker serviert wurden, entsteht in den historischen Mauern des traditionsreichen Gasthauses zum Ochsen in der Zähringer Ortsmitte neuer Raum für Wohnen, Arbeiten und ein Café. Die Umnutzung des über Jahrhunderte gewachsenen Gebäudekomplexes stellt dabei besondere Anforderungen an den sensiblen Umgang mit der historischen Bausubstanz und an die statische Ertüchtigung des Gebäudes.
Bereits zu Beginn der Arbeiten unserer Massivbauteams zeigte sich, dass die über Jahrhunderte gewachsene Mischbauweise aus Mauerwerk, Holz- und Stahlkonstruktionen nur durch das enge Zusammenspiel unterschiedlicher Fachdisziplinen zukunftsfähig ertüchtigt werden konnte. Neben den Massivbauarbeiten wurde daher frühzeitig die umfassende Kompetenz unseres Holzbaus und traditionellen Zimmererhandwerks erforderlich.
Bevor die drei für die Gebäudeteile geplanten und in unserem HolzElementWerk konstruierten und abgebundenen Dachstühle angeliefert und aufgerichtet werden konnten, mussten zunächst zahlreiche bestehende Holzbauteile fachgerecht instandgesetzt, ertüchtigt oder ersetzt werden. Ziel war es, die vorhandenen Wand-, Decken- und Dachtragwerke so weit zu ertüchtigen, dass die aus der zukünftigen Nutzung resultierenden Lasten sicher und kraftschlüssig über die historische Konstruktion in die neu geschaffenen beziehungsweise ertüchtigten Massivbaustrukturen eingeleitet werden können.
Dabei galt es, nicht einfach bestehende Bauteile durch neue Konstruktionen zu ersetzen. Vielmehr musste jedes Bauteil hinsichtlich seines Zustands, seiner ursprünglichen Funktion und seiner Einbindung in das historische Tragwerk beurteilt werden. Erhalten, ertüchtigen, ergänzen oder ersetzen; diese Entscheidung musste bei zahlreichen Bauteilen individuell getroffen und anschließend handwerklich umgesetzt werden.
Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeiten war die Instandsetzung und lokale Ertüchtigung bestehender Fachwerkwände. Geschädigte oder nicht mehr ausreichend tragfähige Bereiche wurden zurückgebaut und durch neue Hölzer ergänzt beziehungsweise ersetzt. Dabei mussten die neuen Bauteile konstruktiv und handwerklich so in die vorhandene Struktur integriert werden, dass die historische Konstruktion in ihrer Funktion erhalten und gleichzeitig den zukünftigen Anforderungen angepasst werden konnte.
Auch die vorhandenen Holzbalkendecken mit Streifböden wurden umfassend bearbeitet. Neben dem Rückbau einzelner Bereiche und dem Ersatz nicht mehr ausreichend tragfähiger Bauteile erfolgten gezielte lokale Ertüchtigungen und Ergänzungen. Deutlich verformte Deckenfelder mussten durch kontrollierte Aufkeilungen wieder ausgeglichen werden. Die Herausforderung bestand dabei darin, die vorhandene Konstruktion nicht unnötig zu belasten und gleichzeitig eine ausreichend ebene und tragfähige Grundlage für die zukünftige Nutzung zu schaffen.
Eine besondere konstruktive Lösung stellen neu hergestellte Decken in Stahl-Holz-Mischbauweise dar. Zwischen Stahlwalzprofilen als Hauptträgern wurden aus KVH hergestellte Nebenträger ausgefälzt und präzise eingepasst. Die Zwischenräume wurden mit Blindböden und einer technisch getrockneten Splittschüttung ausgefacht. So entstand eine leistungsfähige neue Deckenkonstruktion, die unterschiedliche Materialien und deren jeweilige statische Eigenschaften gezielt miteinander verbindet.
Die Arbeiten an einem derart gewachsenen Gebäudekomplex erforderten dabei ein hohes Maß an individuellem handwerklichem Können. Historische Fachwerkverbindungen, unregelmäßige Bauteilgeometrien, vorhandene Verformungen und über Jahrzehnte gewachsene Anschlussdetails lassen sich nicht mit standardisierten Fertigungsabläufen lösen.
Eine vollautomatische Abbundanlage hilft dort nicht weiter, wo jedes Bauteil seine eigene Geschichte erzählt.
Deshalb lag der Schlüssel zum Erfolg bei diesem Projekt in der Verbindung aus moderner Vorfertigung und traditionellem Zimmererhandwerk. Während die drei neuen Dachstühle in unserem HolzElementWerk präzise konstruiert und abgebunden werden konnten, verlangten die Arbeiten im Bestand vor Ort Erfahrung, Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit, für jede vorgefundene Situation eine individuelle Lösung zu entwickeln.
Gerade diese Verbindung macht die Stärke unseres Holzbaus aus: Wir verbinden digitale Konstruktion und moderne Fertigungstechnik mit dem Wissen und der Erfahrung des traditionellen Zimmererhandwerks. Wo Vorfertigung wirtschaftliche und präzise Lösungen ermöglicht, nutzen wir sie konsequent. Wo historische Bausubstanz individuelle Anpassungen verlangt, verlassen wir uns auf das handwerkliche Können unserer Zimmerer.
Denn Bauen im historischen Bestand bedeutet nicht, alte Konstruktionen einfach durch neue zu ersetzen. Es bedeutet, ihre Funktionsweise zu verstehen, ihre Besonderheiten zu respektieren und sie mit den Anforderungen einer modernen Nutzung in Einklang zu bringen. Genau dieses Zusammenspiel aus Konstruktion, Erfahrung und handwerklicher Präzision bildet die Grundlage unserer Arbeit im Holzbau.